Der Ehrbar Saal

Aus einer Wiener Tradition geboren

Wie Bösendorfer und Streicher war auch Friedrich Ehrbar gleichzeitig Instrumentenfabrikant und Konzertunternehmer. Ab 1864 führte Ehrbar einen Salson mit einem Fassungsvermögen von etwa 200 Personen. Diese vermittelte die stille, intime Atmosphäre der biedermeierlichen Hausmusikabende und war nicht für ein weltstädtisch orientiertes Publikum konzipiert. Er wurde bis cirka 1870 benutzt. Anton Bruckner, Carl Tausig, Anton Rubinstein, Johannes Brahms. und viele andere Künstler konzertierten in diesem Saal. Das Quartett Helmesberger spielte zwischen 1858 und 1868 seine Kammermusikabende im alten Ehrbar Saal.

Vom Konzertsalon zum Ehrbar Saal

1876 ließ sich Friedrich Ehrbar von Julius Schrittwieser in der Mühlgasse ein Palais bauen (damals Mühlgasse 6), in dem ein neuer Konzertsaal eingerichtet war, der im Gegensatz zum alten, dem Geschmack und den Ansprüchen des späten 19. Jahrhunderts entsprach.

Die Gestalltung des Saales wurde in einem Prospekt der damaligen Zeit wie folgt beschrieben:

„Die äußere Architektur, ein Putzbau mit Stuckdetails, musste darauf verzichten, den Saal nach außen zum Ausdruck zu bringen, benützte jedoch das Bedürfnis eines Wetterschutzes für die Anfahrenden zur Anbringung eines Balkons, die Markierung des Mittelsalons im 1. Stock, und Umrahmung der Firmentafel, zur Bildung einer reichen dekorativen Mittelgruppe, gekrönt von einem Steinwappen, welches immerhin dazu beiträgt, dem Gebäude auch von außen ein gegen gewöhnliche Wohnhäuser besonderes Ansehen zu verleihen. Ebenso ist, der zeitweise Bestimmung des Gebäudes für Conzerte entsprechend, der Eingang und das Vestibule in Dimensionierung und Dekoration opulenter gehalten. Dekorativ am reichsten ist der 22 Meter lange, 10 Meter breite und cirka 500 Personen fassende Clavier-Saal gehalten, welcher ein hohes Seitenlicht in sehr wohltuender Weise durch 14 je zwei gekuppelte Fenster, welche über dem niedrig gehaltenen, längs dem Saal liegendem Foyer und Künstlerzimmer stehen, erhellt. Die cassetierte Decke des lichten 7,70m hohen Saales ist getragen von 20 großen Lisenen und 4 Karyatiden, zwischen welchen eine obere und eine untere Reihe von 20 Zwischenräumen entstehen, die quer geteilt durch einen unteren zarten Architrav getrennt sind, welcher wieder durch niedere beiderseits je an eine große Lisene gestellte Pilaster getragen ist. Die reichen Füllungen in den 4 Karyatiden tragenden niederen Pilastern lassen in Ihrer Motivik den Bezug zur Musik, zur Clavier-Fabrikation und dem Bau erstehen, und stehen in entsprechender Verbindung mit den 12 reichen Wandarmen, welche nebst 12 großen reichen Lustern den Saal mit zusammen 72 Flammen brillant erleuchten. Der das Ganze umfassende Baustyl ist jener der italienischen Hoch-Renaissance mit römischen Anklängen.“

Aus Mode wird klasssiches Design

Der Saal war in den damaligen Modefarben elfenbeinweiß, rot und gold gestalltet.

Im November 1922 wurde dem Saal eine Galerie zugebaut. Gleichzeitig wurde ein neues Foyer und eine Garderobe gebaut.

Die Eröffnung des Ehrbar Saales fand am 29. Dezember 1877 statt. 1897 fand das 1.000 Konzert in dem Saal statt. Johannes Brahms, Anton Bruckner, Gustav Mahler, Béla Bartok, Pietro Mascagni, Wilhelm Kienzel, Bruno Walter, Selma Kurz und Leo Slezak sind nur einige der Künstler, die in den folgenden Jahren im Ehrbar Sal aufgetreten sind. Zahlreiche Werke von Arnold Schönberg, wie etwa der erste Teil der „Gurreliedern“ erfuhr hier, ihre Uraufführung.

Wechselspiele der Geschichte

Während des ersten Weltkriegs diente der Ehrbar Saal als Reserve-Lazarett. 1919 werde das Haus verkauft. In der Zwischenkriegszeit fand die musikalische Avantgarde dieser Jahre im Ehrbar Saal einen idealen Aufführungsort: Der 1934 gegründete Verein „Konzerte Musik der Gegenwart“ (Marcel Rubin) füllte bis 1938 die Lücke, die Schönbergs „Verein für musikalische Privataufführungen“ Ende 1921 hinterlassen hatte. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1938 war dieses wichtige Projekt im Ehrbar Saal beendet. Nun ging es bergab: 1939 zog eine Großtischlerei ein, 1945 war der Saal gar als Pferdestall in Verwendung.

Prayner-Konservatorium als Retter

Nach Kriegsende wurde der verwahrloste Konzertsaal durch das „Konservatorium für Musik und dramatische Kunst“, dem heutigen Prayner-Konservatorium, wieder instand gesetzt. Die Wiener Philharmoniker unter Rudolf Moralt eröffneten im November 1946 den renovierten Saal, der 1972 unter Denkmalschutz gestellt wurde. Gegen Ende des letzten Jahrhunderts entschwand der Saal zunehmend aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit und fand zuletzt nahezu ausschließlich für interne Veranstaltungen des Prayner-Konservatorium Verwendung.

Das Bestreben der Stadtinitiative Wien ist es, den akkustisch idealen Ehrbar Saal mit Konzerten von Klassik bis Jazz wieder verstärkt der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.